Projekt GRENZEN


 

„Grenzen(los) in Bruck“

– Ein Projektbericht über eine spannende Auseinandersetzung von Schülerinnen und Schülern aus einer 4. Klasse mit dem Thema GRENZEN –

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Trailer: https://vimeo.com/148857072 oder https://youtu.be/AGs6NC0GvsE

Vorgeschichte:

Gerade im Stadtteil Bruck gibt es per se sehr viele Grenzen (Bahnlinien, Autobahnen, Straßen, Brücken); der Abschluss der Grundschule bedeutet für Schülerinnen und Schüler eine deutliche Grenze, die sie nun überschreiten bzw. der bevorstehende Eintritt ins Jugendalter, aber auch das Überwinden von Sprachgrenzen oder kulturellen Grenzen im Umfeld ist für viele ein Thema.

Mit Methoden aus dem Bereich Schauspiel und Film wurden vor allem von einer Videokünstlerin und der Konrektorin der Grundschule in vielen Wochen in einem sich ständig weiterentwickelnden Prozess Szenen / Sequenzen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet, die – später mit Tanz ergänzt – als Film festgehalten und damit ein Gesamt-Kunstwerk ergeben sollte. Dieses hatte schließlich am Freitag, 10. Juli 2015 seine erfolgreiche Premiere.

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Nach ersten Vorgesprächen mit der Leitung der Max-und-Justine-Elsner-Schule Ende 2014, nahmen wir uns Anfang des Jahres vor,  im Juli 2015 an einer Projektwoche zum Thema GRENZEN zu arbeiten: Grenzen überwinden – Grenzen verändern

(Un)gewöhnliche Orte im Stadtteil Bruck werden zur Projektionsfläche für Träume, Sehnsüchte, Ängste…

eine 4. Klasse muss Übergänge in die nächste Schule meistern, sie überwinden die Grenze von der Kindheit zur Pubertät, sie sind tagtäglich mit kulturellen, religiösen, Milieu-Grenzen konfrontiert…

Im Boot sind: eine 4. Klasse Grundschule (ca. 20 SchülerInnen), deren Lehrerin mit Theaterhintergrund, 2 Künstlerinnen, die die Bereiche Tanz und Film abdecken und wir, eine Stadtteileinrichtung des Amtes für Soziokultur/Stadt Erlangen.

Nachdem wir vom Kulturpunkt aus uns zunächst der finanziellen Unterstützung durch die Bürgerstiftung sicher sein durften,  haben wir Mitte März eine erste Ortssichtung in Bruck vorgenommen und dabei fleißig Fotos von Orten und Unorten in Bruck geschossen. Danach begaben sich Antje Ullmann, die Konrektorin der Grundschule und Alla Werr, unsere Filmkünstlerin – auf unseren Pfaden – auf Spurensuche für unser Projekt GRENZEN. Wir konzentrierten uns von Beginn an auf den Bereich Alt-Bruck und Neubaugebiet Friesecke-Höpfner-Gelände mit Bahnhof, da dieser Bereich noch einigermaßen fußläufig von der Schule aus erreichbar ist.

Die Elsner- Schule hatte sich sogar entschlossen unser GRENZEN-Projekt-Thema grundsätzlich aufzugreifen. Die einzelnen Klassen wollen sich also ebenfalls dem Thema auf vielfältige Weise widmen. Frau Ullmann hat mit ihrer Klasse  ein erstes Brainstorming gemacht und schon recht interessante Ansätze erhalten. Sie wollen zuerst einmal das „Aus-grenzen“ mit Methoden des Theaters bearbeiten.

Es werden weitere Ideen für eine künstlerische Gestaltung gesponnen: zum Thema „Armut“ zum Beispiel einen Traum darstellen, in dem es Geld regnet.
„Vertonung“ in die Szene setzen?  Musik – evtl. von Kindern gemacht, oder Geräusche und eigene Worte, die das Thema verdeutlichen. Vielleicht könnte es eine Darstellung einer Redewendung sein. Zum Beispiel: auf einem Geldsack sitzen (wenn es nicht zu veraltet ist), oder Stillschweigen – einerseits: Stille ist etwas positives, andererseits bedeutet dieses Verb „ignorieren“. Oder ein Elfchen von den Kindern schreiben lassen.

Im April und Mai treffen sich Frau Werr und Frau Ullmann schon öfters, um Ideen differenzierter auszuarbeiten, um Orte zu besichtigen und zu erproben, um erste Filmaufnahmen zu machen. Auch die Schülerinnen und Schüler sind teilweise schon mit vor Ort, erproben „Grenzen“ (Autobahn, Lautstärke, Friedhof, Stille, Einsamkeit, Gruppengefühl, Mobbing als Ausgrenzen….). Es gibt danach schon von Frau Ullmann und SchülerInnen:

  • Brainstorming zum Thema Grenzen
  • Gedicht /bzw. Raptext zum Thema „Ausgrenzen“
  • Gedanken darüber, wie es sich anfühlt „ausgegrenzt zu sein“

Im Mai treffen wir (Organisatorinnen) uns nochmal vor den Pfingstferien, um die nächsten „Meilensteine“ zu beschließen.

Gefunden und teilweise erprobt wurden von der Schule bereits:

  • 1 Theaterszene (1 Mädchen in der Mitte)
  • 1 Raumlauf (like robots)
  • 1 Rap „Einsam“
  • 1 Tanzsack-Stück ist noch geplant
  • 1 x Geschriebenes von Khaled
  • 1 x Internetrecherche zu „Grenzen“

3 Orte, die sich herauskristallisierten, sind:

  • Autobahn / Autobahnbrücken: negativ ist – sie sind (sehr) laut / positiv ist – AutofahrerInnen reagieren auf Winken; Kommunikation entsteht // auf der Seite der Goerdeler Straße ist direkt an der Brücke ein schöner großer Platz zum Tanzen
  • Friedhof- Stille und der Lärm der Autobahn als Gegensatz
  • Spielplatz Bonhoeffer Weg

Die „Schwierigkeit“ liegt nun in der Verbindung zwischen diesen Elementen bzw. zu / zwischen den Tanzstücken.

Aufführungsmöglichkeiten und technische oder organisatorische Schwierigkeiten werden abschließend erläutert.

Während Alla Werr sich immer differenzierter mit dem möglichen Aufbau des Films, dem Exposé und den verschiedenen Szenen beschäftigte, die Kinder eifrig mit Antje Ullmann diskutierten, experimentierten und Szenen weiterentwickelten, erste Szenen schon abgedreht wurden, machten sich die Mitarbeiterinnen aus dem Stadtteilzentrum Kulturpunkt Bruck auf, um zum einen eine neue Tanzpädagogin zu finden, da erstere aus Krankheitsgründen ausfiel und zum anderen um mögliche Aufführungsmöglichkeiten und die Bedingungen vor Ort genauer abzuklären.

Mitte Juni stehen schon die ersten Choreografien und Theaterszenen fest und es findet ein weiteres Treffen der Organisatorinnen statt. Dabei werden nochmal die Möglichkeiten von Tanzszenen erläutert, organisatorische Fragen zum Beispiel zu GEMA und anderen Dingen aufgeworfen, Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit diskutiert etc.

In der Zwischenzeit ist aus der geplanten „Projektwoche“ deutlich ein fortlaufendes Projekt geworden, was eindeutig den Vorteil hat, dass die Bedürfnisse und Themen der Schülerinnen und Schüler sehr viel besser aufgegriffen werden können.

Kurz vor der – beim Schulfest geplanten – ersten öffentlichen „Aufführung“ verdichtet sich das Geschehen allerdings nochmal: Die letzten Szenen werden gefilmt, eine neue Tänzerin und Tanzpädagogin – nämlich Olga Anschütz von Respect your Style – ist gefunden und probt verschiedene Tanzszenen. Ein Rap und ein HipHop-Stück werden umgesetzt und gefilmt. Der endgültige Titel für unseren Film wird festgelegt. Alla Werr hat im Anschluss nicht mehr viel Zeit für den letzten Filmschnitt…

…und am Freitag, den 10. Juli ist der große Tag: zunächst wird morgens um 8 Uhr nichtöffentlich in Anwesenheit aller beteiligten Schülerinnen und Schüler, aller Organisatorinnen und der Presse gemeinsam unser Film angeschaut und kommentiert. Alle sind mit Recht sehr stolz auf ihr Werk!

Das tolle Ergebnis – aber vor allem auch der interessante Prozessverlauf – spiegelt sich am Nachmittag beim Schulfest auch in den Gesichtern und Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Eine weitere „Aufführung“ des Films schließt sich am Montag, den 20. Juli im Rathaus bei der Veranstaltung von „Stadt unter der Lupe“ an. Hier -wie in der Presse -wird der Film auch nochmal von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Dass sich dann auch Frau Hirschfelder von der Bürgerstiftung (Sonderfonds für Kinder) begeistert zeigt, sowie noch einige Schulen und die Nürnberger Stadtbibliothek für den Filmverleih interessierten, machte die Produzentinnen und Produzenten natürlich noch stolzer.

 

PRESSE: Erlanger Nachrichten, 20. Juli 2015

Grenzen(los) in Bruck: „Alle glauben, sie sind besser als ich — Ich bin einfach anders“
Viertklässler der Max-und-Justine-Elsner-Grundschule spüren dem Thema „Ausgrenzen“ in einem bewegenden Film nach — Vorführung heute auch im Rathausfoyer


Bahnschranken, Baustellengitter, Zäune: Bei genauem Hinsehen gibt es auch in Deutschland viele Gren­zen. Brucker Grundschüler haben dem Thema in einem berührenden Film nachgespürt und sich dabei vor allem aufs Ausgrenzen Gleichaltriger fokussiert.

ERLANGEN — Vielleicht den schwierigsten Part in dem 23-minüti­gen Streifen hat ein dunkelhaariges Mädchen. Sie steht auf einer Auto­bahnbrücke und sagt: „Ich traue mich nicht, am Rand zu stehen. Das ist zu tief.“ Als sich die Schülerin das erste Mal im Film „Grenzen(los) in Bruck“ sieht, hält sie sich die Augen zu – so lange, bis ihr Einsatz vorüber ist.
Dabei konnten alle Viertklässler ihre Rollen selbst wählen, und Video­künstlerin Alla Werr, die mit den Kin­dern den Film liebevoll erarbeitet und gedreht hat, hatte vor dessen Pre­miere noch gewarnt: „Es kann sein, dass Du Deine Stimme nicht magst oder mit Deinem Aussehen nicht zufrieden bist.“ Mut braucht auch ein Vietnamese, der im Film berich­tet: „Da wurde ich immer Chinese genannt. Da fühlte ich mich halt aus­gegrenzt.“ Stellenweise ist „Gren­zen( los)“ bedrückend, traurig und düster, etwa wenn die Kinder von der vergitterten Autobahnbrücke win­ken oder auf einen Bauzaun mit Stö­cken einschlagen und ihn damit zu zersägen versuchen. Der Film strahlt aber auch Zuversicht aus und macht die Darsteller zu kleinen Helden, die sich scheinbar ihren Stadtteil erobern und während des Drehs an Selbstbewusstsein gewinnen.
Ein türkisches Mädchen sei an­fangs von dem Projekt gar nicht be­geistert gewesen und habe nicht vor der Kamera stehen wollen, berichtet Lehrerin Antje Ullmann. „Später war sie Feuer und Flamme“, freut sich die Konrektorin der Max-und-Justine-Elsner-Grundschule. Selbst­bewusst ist die Zehnjährige nun in dem Streifen zu sehen, wie sie er­klärt: „Alle glauben, sie sind besser als ich – Ich bin einfach anders.“ Einen Satz, den die Regisseurin viele der 20 Grundschüler sagen lässt.
Die Kinder — viele mit Migrations­hintergrund —haben für den Film eine Choreographie einstudiert und einen Rap geschrieben. In dessen Refrain heißt es: „Ich habe eine Freundin, ganz viele sogar. Doch jetzt ist es anders, niemand ist mehr da.“ Ursprünglich sei die Idee gewe­sen, sich mehr mit Gegensätzen in Bruck auseinanderzusetzen wie arm und reich, berichtet Konrektorin Ull­mann. Doch den Schülern ihrer Ganz­tagesklasse sei zum Thema „Gren­zen“ vor allem das Ausgrenzen Gleichaltriger eingefallen. So habe der Film eine andere Wendung gekriegt. Lediglich mehr Hoffnung wollten Werr und Ullmann ins Dreh­buch bringen, weshalb sie den Neun­und Zehnjährigen Mauerdurchbrü­che zeigten und mit ihnen darüber sprachen, wie sich Angst und Gren­zen überwinden lassen. Auch das ist in den von der Bürgerstiftung Erlan­gen geförderten Film eingeflossen. So konstatiert ein Schüler: „Man kann die Grenze überwinden, wenn man an etwas Schönes denkt.“ ASTRID LÖFFLER

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